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24.6.2026
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Magazin

Emotionale Arbeit ist politische Arbeit: Warum der bewusste Umgang mit Gefühlen für die Demokratie so wichtig ist

Geschrieben von:
Josef Merk
Übersetzt von:
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Was fühle ich? Im schnelllebigen Politikbetrieb fehlt oft der Raum für die Innenschau. Dabei trägt jedes Gefühl eine wichtige Information. Was treibt mich an? Was bewegt mich? Was ist mir wirklich wichtig? In Gefühlen stecken Werte. Und die sind die wichtigste Antriebskraft für unsere Demokratie.

AI-Zusammenfassung

Heute schon in die Nachrichten geschaut? Überall Kriege, Krisen und Gewalt. Wirtschaftliche Turbulenzen, Überalterung, Armut... und es hört nie auf. Für einen normalen Menschen ist jede einzelne dieser Nachrichten zu heftig, um sie emotional wirklich an sich heranzulassen. Also lesen, hören, sehen wir zwar Nachrichten, aber fühlen meist nicht viel.  

Der Körper schützt uns vor Überforderung


Unser Nervensystem reagiert unablässig auf Reize von außen. Auch Nachrichten sind Reize, die emotionale Prozesse in uns auslösen. Um sicherzustellen, dass wir handlungsfähig bleiben, dämpft das Nervensystem Informationen, die zu intensiv oder zu schmerzhaft sind, automatisch ab. Das hat den Vorteil, dass wir weiterhin „funktionieren”. Aber dieses Funktionieren hat auch einen Preis: Wenn Emotionen nicht in unser Bewusstsein gelangen, fehlen uns die wertvollen Informationen, die in ihnen enthalten sind. Gefühlsvermeidung spielt den Populisten in die Hände.

Sie setzen sogar darauf: Ihre Kommunikationsstrategie lautet „Flooding the zone with shit“. Sie fluten die Nachrichtensphäre also ununterbrochen mit Skandalen, Aufreger-Themen und Desinformation. So verliert die Öffentlichkeit die Fähigkeit, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Die permanente Reizüberflutung verstärkt die Abstumpfung und führt mit der Zeit zu Erschöpfung. Wer ständig im Schutz-Modus ist, hat keinen Mut für den demokratischen Diskurs – und die Populisten und Populistinnen machen ungestört ihr Ding.  

Demokratie braucht unsere tiefsten Gefühle


Aus meiner psychologischen Forschung weiß ich, dass Werte untrennbar mit Gefühlen verbunden sind. Nur über das positive Gefühl, das ein Wert auslöst, kann man erkennen, dass einem etwas wichtig ist. Für dieses Fühlen aber braucht es Raum und Zeit – die wir uns oft nicht nehmen. Oder wir lassen uns von populistischen Schlagzeilen ablenken.  

Tatsächlich gibt es im schnelllebigen Politikbetrieb so gut wie keine Momente des Innehaltens, der Reflexion oder des tiefen gemeinsamen Austausches, in dem geteilte Werte spürbar werden. Die Konsequenz ist, dass unsere Überzeugungen – die Überzeugungen der Demokrat:innen – im Diskurs weniger Kraft haben.  

Heißt das jetzt, dass wir in jeder Ausschusssitzung Fühl- und Atempausen machen, in jeder Besprechung gemeinsam meditieren sollen? Vielleicht nicht in jeder. Aber einmal wöchentlich wäre ein guter Anfang.  

Wie emotionale Arbeit aussehen kann


Gehen wir zurück zum Start: zu den negativen Nachrichten.  

Ein reales Beispiel: Welche Emotionen löst die Schlagzeile „Kiew, Cherson und Odessa melden russische Angriffe – drei Tote“ bei mir aus? Am besten erkenne ich das über meinen Körper. Ich spüre eine Kontraktion im Bauch. Mein Zwerchfell zieht sich zusammen. Ein Gefühl von Übelkeit im Magen...  

Was passiert, wenn ich das Gefühl zulasse, es nicht vermeide oder mich ablenken lasse von der nächsten Schlagzeile? Plötzlich atme ich unwillkürlich tief durch. Fffffffff. In diesem Moment erreicht die Information in der Emotion mein rationales Gehirn. Ich brauche eine Pause von beängstigenden Nachrichten. Ich gähne – ein Zeichen der Entspannung. Und dahinter taucht etwas anderes auf: der Wunsch, einen guten Freund anzurufen. Mein Blick wird weich. Freundschaften sind mir wirklich wichtig! Besonders die Freund:innen, mit denen ich auch über Politik sprechen, Gedanken austauschen kann, Menschen, mit denen ich das Ideal teile, einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben. Ich schöpfe neuen Mut.

Emotionale Arbeit ist politische Arbeit  


Ich möchte dich einladen: Nimm dir fünf Minuten Zeit. Lies eine negative Schlagzeile – und fokussiere auf deinen Körper. Wohin geht deine Aufmerksamkeit? Was fühlst du dort? Lass das Gefühl zu, halte es aus und beobachte, wie es vergeht.  

Nun nimm ganz genau wahr, welche Körperregung du als nächste spürst. Welche Gedanken tauchen auf? Was ist dir jetzt gerade wirklich wichtig?

Wer „negative“ Gefühle nicht verdrängt, sondern sich die Zeit nimmt, sie ganz zu fühlen, kommt irgendwann mit den eigenen Werten in Kontakt. Das ist auch körperlich spürbar. Immer, wenn ich einen Wert erkenne – wie im Beispiel oben die Werte von Freundschaft und Impact –, gibt das Kraft: manchmal Kraft durch Entspannung. In anderen Momenten entsteht Wut – und man spürt den Willen zu Veränderung. Manchmal fühlen wir Angst oder den Wunsch, sichere Räume zu schaffen. Jedes Gefühl hat einen guten Grund. Jedes Gefühl trägt eine wertvolle Information.  

Der Politikbetrieb agiert im Modus chronischer Verdrängung tiefer Gefühle. Die Folge ist, dass sich zwar viel bewegt, aber vor allem hektisch und kurzfristig. Dabei bräuchten die großen Probleme unserer Zeit, die Klimakrise, die wachsende Ungleichheit, Migration, Polarisierung und viele mehr, eine langfristige Strategie, die an Werten ausgerichtet ist.  

Um unsere Werte zu spüren – sie wirklich zu fühlen! –, müssen wir uns unseren Emotionen zuwenden. Dann werden sogar negative Nachrichten zu einem demokratischen Impuls.  

Und der sollte nicht auf die individuelle Ebene beschränkt bleiben. Verändern wir die Demokratie: Wann können wir Zeit schaffen für Kooperation und Dialog? Statt unsere Werte und Überzeugungen klein zu halten im kämpferischen und kompetitiven Gegeneinander, brauchen wir mehr Raum für emotionale Prozesse. Dann bekommen neben den sachlichen Argumenten auch emotionale Informationen zur Geltung. Es wäre irrational, ihre Kraft nicht zu nutzen – denn sie sind ohnehin immer da.

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