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24.3.2026
Strategieimpuls
Mission #4
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Mitmacht 2025
Magazin

Rückschau: Das Lab „Demokratie & Emotionen“ bei Mitmacht 2025

Ein Workshop mit Teilnehmenden und den Host Aurel Eschmann

Foto: suna films

Ein Workshop mit Teilnehmenden und den Host Aurel Eschmann

Foto: suna films

Geschrieben von:
Aurel Eschmann
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Was passiert, wenn demokratische Politik Emotionen ausklammert? Das Lab „Demokratie & Emotionen“ bei Mitmacht 2025 zeigt, warum Affekte kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Hebel politischer Veränderung sind – und weshalb der Ausgangspunkt dafür bei uns selbst liegt.

AI-Zusammenfassung

Überall auf der Welt ist die Demokratie in der Defensive, der Autoritarismus im Aufwind. Verantwortlich dafür sind nicht einige wenige Führungsfiguren, die sich mit einer Handvoll treuer Verbündeter an die Macht tricksen und dann gegen den Willen des Volkes regieren. Nein – wir müssen der Tatsache ins Auge blicken, dass ein großer Teil der Menschen autoritäre, ja sogar faschistische Veränderungen begeistert unterstützt und sich bewusst von demokratischen Idealen abwendet. Autoritarismus hat Appeal.

Doch warum ist das so? Die Antwort liegt nicht in den besseren Argumenten – denn Demokrat*innen haben sie meist, überzeugen aber dennoch zu selten. Der Schlüssel liegt tiefer. Faschistische Bewegungen verstehen es meisterhaft, Gefühle anzusprechen, Ängste zu nutzen und unterdrücktes Begehren zu kanalisieren. Diese Erkenntnis ist nicht neu.

Hundert Jahre kritische Theorie und antifaschistischer Aktivismus haben immer wieder gezeigt, dass Emotion für Faschismus ein zentrales politisches Terrain ist.

Dennoch tun sich prodemokratische Kräfte bis heute schwer, Affekte und Emotionen produktiv einzubinden. Das hängt auch mit unserem Verständnis von politischer Veränderung zusammen – geprägt vom aufklärerischen Ideal des Marktplatzes, auf dem Ideen rational gegeneinanderstehen und sich das beste Argument durchsetzt. Nach diesem Modell genügt es, gute Argumente nur möglichst gut zu verbreiten; wen sie erreichen, wird schon überzeugt sein. Werden genug Menschen erreicht, verändert sich die Gesellschaft.

Kaum jemand würde dieses idealistische Bild offen unterschreiben, und doch steckt es – meist unbewusst – in vielen emanzipatorischen Strategien. Emotionen gelten oft nur dann als „erlaubt“, wenn sie helfen, Informationen besser zu vermitteln. Selbst dann bleibt der Verdacht, man manipuliere Menschen, anstatt sie zu überzeugen – ein Widerspruch zu aufklärerischen Idealen.

Deshalb wird regelmäßig kontrovers darüber gestritten, ob demokratische Bewegungen emotionaler kommunizieren oder gar einen ,demokratischen Populismus' wagen sollten.

Menschen aber sind keine rein rationalen Wesen. Was sie antreibt – ihre Werte, Überzeugungen und Handlungen – entsteht aus Erfahrungen, Bindungen und Sinneseindrücken, die oft unbewusst wirken. Demokratische Strategien müssen diese Erkenntnis annehmen, wenn sie der Faszination des Autoritären etwas entgegensetzen wollen. Es braucht Strategien gesellschaftlicher Veränderung, die eher einem Prozess kollektiver Psychotherapie ähneln als einer Unterrichtsstunde. Dass dies nicht einfach ist, zeigte das Lab* “Demokratie und Emotionen” im Rahmen von Mitmacht 2025 in Wien.

Der erste Tag: Abstraktion und Irritation

Am ersten Tag näherten wir uns dem Thema theoretisch – wie auch hier im Text. Der Versuch, bestehende Strategien nach ihren affektiven Ansatzpunkten zu clustern, führte rasch zu Diskussionen, in denen kaum zwei Personen vom Gleichen sprachen. Schnell wurde klar:

Uns fehlt eine gemeinsame Sprache, um über kollektive Affekte zu reden.

Die pathologisierende Sprache der Psychologie wie auch das moralische Alltagsvokabular greifen zu kurz, wenn es um tiefsitzende Gefühle, Ängste und Begehren im politischen Kontext geht. Kein Zufall also, dass Kunst diese präverbalen Emotionen oft besser berührt als Worte es können. Zugleich verfielen viele von uns reflexartig wieder in eine instrumentelle Perspektive – in das Denken darüber, wie man „die Anderen“ mithilfe von Emotion überzeugen könne. Der theoretische Zugang erwies sich damit als Sackgasse. Am Ende des Tages herrschte mehr Ratlosigkeit und Uneinigkeit als am Morgen.

Der zweite Tag: Biografien und Resonanz

Ganz anders der zweite Tag. Statt abstrakter Theorie stellten wir eine simple Frage:

Welche Schlüsselerfahrungen waren entscheidend für eure demokratische Politisierung?

In den persönlichen Erzählungen traten überraschend viele Gemeinsamkeiten zutage – Beziehungen und Gruppen, prägende Sinneseindrücke auf Demonstrationen, Erfahrungen kollektiver Kreativität in Kleinstprojekten. Es scheinen oft eher Nebenprodukte der politischen Strategien zu sein, die die nachhaltigste Wirkung entfalteten.

Das Lab „Demokratie & Emotionen“ endete damit doch mit einem klaren Befund: Der Ausgangspunkt für eine emanzipatorische Integration von Emotion und Affekt liegt nicht bei den „Anderen“, sondern bei uns selbst.

Wir müssen Räume schaffen, in denen wir über unsere politischen Schlüsselerfahrungen sprechen können. Die Muster, die wir darin erkennen, weisen den Weg: Sie zeigen, welche sinnlichen und emotionalen Erfahrungen wir in unseren Bewegungen stärken müssen, um vom autoritären zum demokratischen Appeal zu kommen.

*Die Labs bei Mitmacht waren Denk- und Handlungsräume, in denen Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen an demokratierelevanten Fragestellungen arbeiteten, gemeinsame Zukunftsbilder für eine starke Demokratie entwickelten und erste Schritte dorthin entwarfen. Sie bildeten den Startpunkt eines ko-kreativen, sektorübergreifenden Prozesses. Grundlage waren Methoden aus der Zukunftsforschung, die dabei unterstützen, strategische Narrative zu formulieren und systemische Ziele für die kommenden Jahre abzuleiten.

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