Zurück zur Übersicht
16.3.2026
Strategieimpuls
Mission #4
No items found.
No items found.

Zwischen Sorge, Ohnmacht, und Hoffnung - Warum Demokratie das Miteinander braucht

Seile in lila und blau

Foto: Ruliff Andrean via Unsplash

Seile in lila und blau

Foto: Ruliff Andrean via Unsplash

Geschrieben von:
Daniela Ingruber
Übersetzt von:
No items found.
Diesen Artikel teilen:

Das Jammern über den Zustand der Demokratie und die damit verbundenen Ängste haben ihre Berechtigung. Die Werkzeuge der Demokratie können anders aber vielleicht besser genützt werden.

AI-Zusammenfassung

Es ist nicht immer leicht, optimistisch zu bleiben. Täglich Nachrichten von Krisen oder Kriegen, oft in Echtzeitübertragung. Die vermeintliche Zeugenschaft kann ein Ohnmachtsgefühl auslösen, Passivität sowie Einsamkeit fördern und nimmt die Energie dort weg, wo sie dringend gebraucht würde: beim Miteinander. Denn warum sollte man sich engagieren wollen, wenn alles hoffnungslos scheint?  

Eine Flucht in die selbstfabrizierte Blase der Sozialen Medien bietet zwar Ablenkung, der dafür zu bezahlende Preis ist jedoch hoch: Propaganda und Populismus. Die ständige Wiederholung ähnlicher Behauptungen, das gezielte Ansprechen von Emotionen und das damit einhergehende, sich selbst bestätigende Wohlgefühl tragen dazu bei, dass die Vorstellung von der Wirklichkeit verschwimmt. Dann wird die eigene Meinung zuweilen mit Wissen verwechselt – und mit dem Gefühl, selbst mehr zu wissen als andere. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Demokratie. Denn wer sich sicher ist, recht zu haben, meint häufig auch, das Recht zu haben, dies zur Handlungsmaxime zu erheben. Dann wird viel gesagt, doch wenig zugehört, obwohl Letzteres die Basis für das Miteinander in einer Demokratie bedeutet. Vorausgesetzt natürlich, man versteht Demokratie nicht als Einzelprojekt, sondern als ein Ausbalancieren zwischen Interessen, Rechten und Verantwortung aller.

Demokratie braucht das Miteinander, nicht den Ausschluss

Die Verweigerung genau hinzuhören, mag eine Gewohnheit sein. Bewusst eingesetzt dient sie durchaus dem Selbstschutz oder dem Schutz anderer, weil man gewisse Meinungen nicht mehr aushält, für gefährlich und beängstigend, vor allem aber für falsch hält. Man mag damit sogar recht haben. Die Auswirkungen sind dennoch fatal, weil die Meinungsfreiheit damit nicht mehr für alle gilt. Es handelt sich um eine zivile Zensur, die gut gemeint sein mag, doch den Menschenrechten widerspricht, anstatt sie zu behüten. Die Menschenrechte können nur für alle gelten. So muss die Meinungsfreiheit auch hässliche und ungern gehörte Meinungen zulassen, um die Freiheit der positiveren Meinungen sichern zu können. Denn lässt man die Zensur einmal zu, endet sie lange nicht mehr.

Zugegeben, ganz allgemein hatte man vom 21. Jahrhundert anderes erwartet: Frieden, Demokratie. Vom Siegeszug der Menschenrechte war die Rede, von einer Grundvernünftigkeit, die die Menschen einen würde. Wie rasch die Rückschritte stattfinden und wie in einer Welle von Gesellschaft zu Gesellschaft überschwappen, ist geradezu absurd oder furchterregend. Das dadurch entstandene Chaos wird noch für manche Krise sorgen. Da ist sie also wieder, die Sorge, vielleicht sogar Panik um die Zukunft. Verstärkt wird sie durch eine Politik, die wenig Idealismus zu kennen scheint, vor allem Emotionen anspricht und diese als politischen Inhalt verbrämt. Die Demokratie aber ist wehrlos, wenn die Bevölkerung aufhört zu glauben und zu hoffen.

Optimismus und aktive Hoffnung

So mag die Demokratie widerstandsfähig sein und lange gegen all die Kratzer ankämpfen können, doch ohne eine aktive Bevölkerung an ihrer Seite wird sie zerbrechlich. Wir tun uns daher keinen Gefallen, in das Gezeter vom Ende der Demokratie einstimmen. Denn so schlimm manches aussieht, jede*r kann im kleinen Umfeld etwas tun, das das eigene und das Leben anderer positiv beeinflusst. In Zeiten der Krisen braucht es dafür mehr Energie als in Friedenszeiten, denn weder Frieden noch Demokratie können verordnet werden. Sie können nur erarbeitet und stets aufs Neue von der Bevölkerung transformiert werden.

Daher braucht es die Betonung des Konstruktiven, der kleinen Spielräume. Und den Mut zu einem Gesprächsklima, in dem man aufeinander zugeht, ausreden lässt, genau hinhört und dabei viel eher als nicht die Gemeinsamkeiten findet. Es reicht nicht, für die Meinungsfreiheit zu sein. Sie muss (aus)geübt werden. Zuhören und Nachdenken sind als solche ein guter Start, ebenso eine respektvolle Streitkultur.

Denn man muss nicht streiten. Doch sollte man es hin und wieder versuchen. Wenn Meinungen aufeinanderprallen, ist es die wesentlich vernünftigere und angstbekämpfendere Alternative, als einander vor Schreck das Wort zu verbieten.

Jean Ziegler meinte als Mittel gegen die Angst, wir sollten uns vorstellen, es würden in den aktuellen Demokratien einfach „nur“ die Menschenrechte eingehalten, nicht mehr, nicht weniger. Das würde die Demokratien deutlich positiv verändern.

Demokratie an sich ist jene Regierungsform, die Freiheiten, Rechte und den Menschen am besten schützt. Enttäuschte Bürger*innen wird es dennoch immer geben, denn Demokratie ist und bleibt unvollkommen. Vielleicht ist das das Schönste an ihr, da dies ständige Bewegung bedeutet. Sie hat auch immer Platz für den einfachsten Ausweg: Humor, Lächeln und Empathie.

Literatur:

Bauman, Zygmunt (2019): Wieder allein. Ethik am Ende der Gewissheit. Wien/Hamburg: Edition Konturen.

Brodnig, Ingrid (2024): Wider die Verrohung. Über die gezielte Zerstörung öffentlicher Debatten. Strategien & Tipps, um auf Emotionalisierung und Fake News besser antworten zu können. Wien: Christian Brandstätter Verlag.

Kohlenberger, Judith (2024): Gegen die neue Härte. München: dtv.

Liessmann, Konrad Paul (2023): Der befleckte Geist. Cancel Culture und die Moralisierung des Gedankens. In: Carl Hanser Verlag (Hg.): Canceln. Ein notwendiger Streit. München: Carl Hanser Verlag, S 127–146.

Ziegler, Jean (2024): Trotz Alledem! Warum ich die Hoffnung auf eine besser Welt nicht aufgebe. München: C. Bertelsmann

Weitere Artikel

20.03.2026
News

Projektabschluss: Jugend macht Gemeinde

30 Gespräche. 6 Gemeinden. 1 Baukasten. Was Jugendliche wirklich zum Mitmachen bringt.

18.03.2026
Strategieimpuls

Der Kampf um die offene Gesellschaft: Affekte, Emotionen und Hoffnungslosigkeit

Demokratien geraten weltweit ins Wanken, Vertrauen und Hoffnung in ihre Institutionen schwinden. Während demokratische Akteur*innen dabei den Kampf um die Emotionen eher meiden, mobilisieren rechtsextreme Bewegungen gezielt Gefühle: nicht mit den besseren Argumenten, sondern mit den stärkeren Gefühlen. Dieser Beitrag zeigt, warum Demokratien eine eigene Emotionspolitik brauchen – und wie diese aussehen kann.

05.03.2026
Good-Practice-Impuls

So schaffen Bibliotheken Raum für diverse Communitys

Der Bestand von Bibliotheken spiegelt unsere moderne Gesellschaft noch viel zu wenig. Sheeko Ismail von der Schwarzen Kinderbibliothek Deutschland gibt Tipps, wie es anders gehen kann.

Bleib auf dem Laufenden und abonniere unseren Newsletter für spannende Insights, wichtige Ankündigungen und neue Events!

Newsletter abonnieren
No items found.