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29.1.2026
Strategieimpuls
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Mitmacht 2025

Das neue demokratische Drehbuch: Warum wir mutiger, unbequemer und strategischer werden müssen

Geschrieben von:
Jeannette Gusko
Übersetzt von:
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In ihrer Eröffnungskeynote bei Mitmacht 2026 in Wien macht Jeanette Gusko klar: Autoritäre Kräfte sind längst am Werk. Die Frage ist, ob wir schnell und mutig genug sind, wieder den Takt vorzugeben.

AI-Zusammenfassung

Zwei Momente, die alles verändert haben

An einem frostigen Februarmorgen 2024 stand ich vor dem Brandenburger Tor. Hundertfünfzigtausend Menschen waren in Berlin auf den Straßen – und über drei Millionen Menschen bundesweit. Hunderte Initiativen gründeten sich. Es war die größte gesellschaftliche Mobilisierung seit 1945, ausgelöst durch die CORRECTIV-Recherche “Geheimplan gegen Deutschland”. Die Investigativjournalisten hatten ein Treffen von Neo-Nazis, AfD-Abgeordneten und Geldgebern aufgedeckt, bei dem auch zur sogenannten „Remigration“ gesprochen wurde.

Ich war damals Co-Geschäftsführerin des gemeinwohlorientierten Medienhauses CORRECTIV und erinnere mich an jedes Detail dieser Zeit. Auf dieser Demonstration wurde gesungen. Selbstgemalte Plakate hochgehalten. Menschen stritten, diskutierten, lachten, weinten. Kinder auf den Schultern, Großeltern mit Thermoskannen. Da war Energie und Anspruch an Politik, endlich mehr gegen Rechtsextremismus zu tun.

Für einen Moment hatte ich das Gefühl: So sieht die lebenswerte Gesellschaft aus - unterschiedlich, freundlich, entschlossen. Es fühlte sich an, als würde sich der Wind drehen.

Doch Monate später wurde klar, wie wenig dieser hoffnungsschürfende Moment in langfristige politische Prozesse übersetzt wurde. Weder in Gesetze wie das Demokratiefördergesetz oder die Rechtssicherheit des gemeinnützigen Journalismus noch in strategische Investitionen oder weitreichende soziale Innovationen. Die Demonstrationen hatten Millionen von Menschen Mut gemacht. Die Ernüchterung, sie war da.

Im November 2024 wechselte ich ins #TeamHabeck. Ich leitete das Campaigning, Parteiorganisation und Fundraising im Wahlkampf von Bündnis 90 / Die Grünen zur Bundestagswahl 2025. Robert Habeck war ein frischer Kandidat. Ein menschlicher Ton. Wir standen in überfüllten Hallen, da war Aufbruchsstimmung und Hoffnung. Und: Mein Team führte die erfolgreichste politische Fundraising-Kampagne in Europa jemals. Über 12 Millionen Euro in nur drei Monaten.

Viele Studien sagen: Dieser Politikstil ist richtig. Viele seiner politischen Ideen sind später, teils wenige Tage nach der Wahl, von der CDU/CSU übernommen worden.

Es brauchte nur ein paar wenige brutal effiziente Kampagnen, orchestriert von Polarisierungsunternehmern, über zwei Jahre hinweg und in den Wahlkampf hinein. Ein freier Markt professionalisierter und monetarisierter Einzelmeinungen und vermeintlich neuer Medien – algorithmisch verstärkt, journalistisch unkontrolliert – sie reichten aus, um demokratische Erzählungen massiv zu schwächen. Es war, als würde man einen Springbrunnen gegen einen Ozean halten. Hierbei geht es nicht um Parteipolitik. Alle Kandidaten der demokratischen Parteien - mit Ausnahme der Linken - haben deutlich an Stimmen verloren.

Ich war zerrissen zwischen dem High der Mobilisierung und der Verletzlichkeit demokratischer Prozesse unter Druck. Und diese Spannung zieht sich durch unsere gesamte Gesellschaft.

Was wir uns ehrlich eingestehen müssen

Bevor wir über die Zukunft sprechen, müssen wir die Gegenwart benennen.

Gesellschaft funktioniert nicht mehr so, wie wir es uns lange eingeredet haben. Wir scheitern an uns selbst – nicht an fehlenden Ideen, sondern an ineffizienten Strukturen, falschen Erwartungen und Perfektionsansprüchen. Vieles davon ist „stets bemüht“. Aber nicht mal eine solide Vier.

Die verschwörungstheoretische Informationsökonomie verschwindet nicht, nur weil wir eine Wahl gewinnen. Sie fordert uns über Jahre hinaus heraus. Wir sind nicht gemütlich gefragt. Wir sind – und bleiben – weit über unsere Komfortzonen hinweg gefragt.

Radikale Selbstanalyse: Was wir loslassen müssen

Es tut weh, aber es ist wahr: Wir halten in der Zivilgesellschaft Dinge aufrecht, die längst nicht mehr wirken.

Wir sind beschäftigt – aber nicht wirksam.

Wir wiederholen bekannte Rezepte, statt Risiken einzugehen.

Wir dekorieren uns mit Analysen – statt Allianzen zu bauen.

Wir arbeiten am Rand, nicht im Zentrum der Macht.

Wir glauben, Demokratie brauche keinen Machtanspruch.

Wir glauben, Perfektion schützt uns – und verzögern dadurch alles.

Wir umgeben uns mit Menschen, die so sind wie wir.

Wir scheuen das Cringe, die Reibung, die Unordnung.

Während autoritäre Bewegungen ein klares Drehbuch verfolgen, haben wir oft ein Sammelsurium guter Absichten. Es ist Zeit für ein ehrliches Kill your darlings: Was müssen wir loslassen, damit wir kollektiv mächtiger werden?

Warum autoritäre Kräfte so stark wirken

Das hat nichts Mystisches. Sie wirken stark, weil sie:

diszipliniert, schnell und synchronisiert handeln

emotional und pointiert kommunizieren

konsequentes, niedrigschwelliges Organizing einsetzen

eine klare Erzählung anbieten

keine Angst vor Chaos und Unperfektion haben.

Ihre Kraft liegt nicht in den Ideen – sondern vor allem auch in der Synchronisierung. Das ist unsere Einladung.

Drei strategische Plot Twists, die wir jetzt brauchen

Ich habe drei Wendepunkte mitgebracht, die wir dringend setzen sollten.

1. Macht neu verstehen: Wir sprechen in der Zivilgesellschaft viel über Werte, Prozesse, Beteiligung – aber erstaunlich wenig über Macht. Oft mit der unausgesprochenen Annahme, sie sei etwas Verdächtiges, vielleicht sogar moralisch Problematisches. Doch genau hier beginnt der strategisch blinde Fleck. Um Macht zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf vier Denker, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die uns dennoch gemeinsam zeigen, warum Demokratie ohne Machtanspruch nicht funktionieren kann.

Niccolò Machiavellis zentraler Gedanke ist schlicht: Macht ist die Fähigkeit, Realität zu gestalten. Nicht moralisch, nicht ideologisch, sondern operativ. Wer handeln kann, verändert die Welt. Wer nicht handelt, verliert Gestaltungskraft – egal, wie recht er hat.
Für die Demokratie heißt das: Gute Absichten reichen nicht. Ohne Handlungsfähigkeit bleiben sie folgenlos.

Hannah Arendt setzt einen radikal anderen Akzent. Für sie ist Macht nichts, was Einzelne besitzen, sondern etwas, das entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln. Nicht Zwang, sondern Beziehung. Nicht Dominanz, sondern Verbundenheit. Demokratische Macht ist also nicht hierarchisch, sondern kollektiv – und verschwindet, wenn wir uns nicht koordinieren.

Der Politikwissenschaftler Joseph Nye prägt den Begriff der Soft Power: die Fähigkeit, Menschen zu überzeugen, statt sie zu zwingen. Demokratische Projekte brauchen genau das: Inspiration, Attraktivität, Zugehörigkeit. Macht ist in dieser Logik kein Gewaltmittel, sondern eine Erzählung, die Menschen mitnimmt.

Marshall Ganz, der große Organizing-Vordenker der US-Bürgerrechtsbewegung, formulierte es am klarsten: Das Problem ist nicht, dass manche zu viel Macht haben – sondern dass viele zu wenig haben. Er sieht Macht als die Fähigkeit, gemeinsam zu handeln. Ohnmacht ist das Fehlen dieser Fähigkeit – und damit die Grundlage von Resignation, Radikalisierung und gesellschaftlichem Rückzug.

Wenn wir das zusammenführen, ergibt sich ein Satz, der uns leiten sollte: In der Demokratie wird Macht auf Zeit vergeben. Demokratie ohne Machtanspruch funktioniert nicht. Macht ist eine demokratische Pflicht. Sie entsteht dort, wo wir uns synchronisieren.

2. Strategische Allianzen, die unangenehm, unerwartet und unerhört sind: Was ist eigentlich unser Ziel? Wollen wir die moralisch einwandfreiste Person im Raum sein? Oder wollen wir gewinnen? Wenn wir Wirkung wollen, brauchen wir Allianzen, die unangenehm, breiter, riskanter und viel unbequemer sind als alles, was wir bisher kennen.

Eine neue Kultur der Zusammenarbeit bedeutet: runter vom hohen Ross, raus aus den Bubbles, weg von Silo-Perfektion und rein in die Kooperation – auch wenn sie nervt. Sie bedeutet Fehler zu verzeihen und popkulturell und zugänglich zu kommunizieren.

Das bedeutet konkret für den Alltag: Wir arbeiten mit Menschen, die wir nicht mögen werden. Wir teilen Narrative mit Menschen, die beim Bürgergeld oder dem Gender Pension Gap ganz anders denken. Wir verfolgen Ziele, die größer sind als unser eigenes Profil. Wir sind nicht immer die 1, der Initiator, die Gründerin - wir arbeiten einfach mit, auch ohne Pomp.

Ein passendes Bild dafür ist ein Flottenverband, kein Flaggschiff. Strategische Allianzen sind viele Schiffe, die in etwa in eine Richtung fahren, alle unterschiedlich wendig, ausgestattet und schnell. Wenn eines untergeht, fährt die Flotte weiter.

Diese Allianzen sind nicht die Kür. Das allein wird die Demokratie nicht retten.

Sie sind das bare Minimum.

3. Strategische Kompetenz & konsequentes Umsetzen: Wo Unsicherheit herrscht, muss Strategie zur Überlebensfähigkeit werden. Auf diese neue Grundbedingung müssen wir strategisch antworten können: Was wollen wir 2029 erreicht haben? Wie sieht Erfolg aus? Was braucht es, damit Menschen stabil bleiben? Was, wenn alles schief geht – sind wir bereit? Und noch wichtiger: Was, wenn alles gut geht?

Was, wenn unser mutigstes, schönstes Werk erst beginnt?

Strategie ist nicht die Moderation von Entscheidungsoptionen, sondern Entscheidung. Entscheidung ohne Umsetzung ist Absichtserklärung.
Erfolg entsteht nur im konsequenten Handeln.Können wir uns nach dem Bare Minimum ins strategische Entscheiden und konsequente Umsetzen verlieben?

Es funktioniert bereits: Beispiele der Hoffnung

Wir sehen eine neue demokratische Popkultur, die Wahlen gewinnen kann, wie bei New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. Wir sehen radikal pragmatische lokale Bündnisse wie Plan B 2030 in Berlin.Wir sehen unerwartete Partnerschaften im ländlichen Raum – etwa in Garz (Mecklenburg-Vorpommern) unter Deutschlands jüngstem Bürgermeister Luca Piwodda. Und Faktor D als transsektorale Blaupause.

Demokratische Zusammenarbeit ist kein Sprint.
Sie ist wie eure Sportroutine oder Unternehmertum: langatmig, konsistent, diszipliniert.

Es ist einfach, hart zu werden. Zynisch zu sein und von außen zu kommentieren – für Applaus, Abos und Follower. Schwieriger ist es, zusammenzustehen, Cringe zu riskieren und Verantwortung zu übernehmen.

Wenn wir bereit sind, über unsere Komfortzonen hinaus zu handeln,
wenn wir den Flottenverband ernst nehmen,
wenn wir unsere Arbeit mit dem Ziel einer Machtverschiebung verstehen –
dann lautet die Antwort:

Ja. Wir bekommen das hin.
Mutig. Gemeinsam. Unperfekt.
Aber entschlossen – und machtvoll.

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