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18.3.2026
Strategieimpuls
Mission #4
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Der Kampf um die offene Gesellschaft: Affekte, Emotionen und Hoffnungslosigkeit

Wegweiser vor Sonnenaufgang

Foto: Javier Allegue-Barros via Unsplash

Wegweiser vor Sonnenaufgang

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Geschrieben von:
Justine Ohlhöft
Übersetzt von:
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Demokratien geraten weltweit ins Wanken, Vertrauen und Hoffnung in ihre Institutionen schwinden. Während demokratische Akteur*innen dabei den Kampf um die Emotionen eher meiden, mobilisieren rechtsextreme Bewegungen gezielt Gefühle: nicht mit den besseren Argumenten, sondern mit den stärkeren Gefühlen. Dieser Beitrag zeigt, warum Demokratien eine eigene Emotionspolitik brauchen – und wie diese aussehen kann.

AI-Zusammenfassung

Weltweit stehen liberale Demokratien unter zunehmendem Druck, und deutlicher denn je zeigt sich, dass der Kampf um die Zukunft nicht allein mit dem Kopf geführt werden kann. Denn während demokratische Kräfte in ihrem Vorgehen nach wie vor von einer gewissen Emotionsaversion geprägt zu sein scheinen, gründet sich insbesondere der Erfolg rechtspopulistischer – und dabei zugleich häufig auch rechtsextremer – Akteur*innen zu großen Teilen auf einer strategischen Affekt- und Emotionspolitik. Wenn antidemokratische Kräfte mit diesem Vorgehen allerdings so erfolgreich sind, stellt sich umso dringlicher die Frage, was demokratische Akteur*innen davon lernen können oder gar müssen – und wie eine verantwortungsbewusste demokratische Emotionspolitik jenseits von Angstmacherei und Feindbildern aussehen sollte.  

Ohnmacht, Geschichten und fehlende Zukunftsvisionen

Hilfreich zur Einordnung der Wirkweisen solcher emotional-affektiven Mobilisierungen können dabei die Untersuchungen der US-amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild sein. In ihrem Buch „Fremd in ihrem Land“ legt sie anhand einer umfangreichen Feldforschung dar, wie (ultra-)rechte US-amerikanische Bewegungen insbesondere in den letzten Jahrzehnten gezielt schwelende Gefühle der Ohnmacht und Ungerechtigkeit aufgegriffen und erfolgreich instrumentalisiert haben. Mit dem Versprechen der (Wieder-)Herstellung einer „vergangenen Zukunft“, in der vermeintlich vieles besser war und auch wieder sein wird, gelang es ihnen nämlich, gerade dieser diffusen Unzufriedenheit ein Gefühl der Hoffnung entgegenzusetzen. Hochschild erklärt dies mit einer emotionalen Tiefengeschichte, deren emotionaler Kern – begründet im vermeintlichen „Verrat am American Dream“ – für viele ausschließlich von der amerikanischen Rechten angesprochen wird. Diese Tiefengeschichte wiegt letztlich schwerer als eine sozioökonomische Politik, die die Lebenssituation der Menschen realistisch verbessern könnte; denn nicht die tatsächlichen politischen Inhalte sind entscheidend, sondern vor allem die Gefühle, die angesprochen und ausgelöst werden.  

Ähnliche Mechanismen lassen sich bspw. auch in Deutschland beobachten. So deuten verschiedene Studien auf einen zunehmenden Mangel an positiven Zukunftsvisionen2 wie auch auf eine gefühlte Alternativlosigkeit gegenüber der bestehenden wirtschaftlichen und demokratischen Ausgestaltung3 hin. Der Erfolg rechtspopulistischer und -extremer Kräfte erscheint vor diesem, auch als gesamtgesellschaftliche Illusionskrise beschreibbaren, Hintergrund entsprechend vielmehr Symptom als Ursache zu sein.

Denn wenn es demokratischen Akteur*innen nicht mehr gelingt, Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln, dann steigt der Drang der Menschen, sich die Erfüllung dieser Gefühle woanders zu suchen. Und so zielen rechtspopulistische Akteur*innen mit ihren eindeutigen und zumeist unpopulären Positionierungen gerade auch darauf ab, vermeintliche Alternativen zu einem unbefriedigenden Status quo und einfache Auswege aus der Ohnmacht zu suggerieren.

Indem sie dabei verwaiste Emotionen in einem „neuen“ Wir-Gefühl auffangen und auch (teils) berechtigte Unzufriedenheiten adressieren, instrumentalisieren sie diese darüber hinaus für ihre sicherheitsversprechende, jedoch exkludierende, völkische Idee des Nationalstaates. Letztlich können sie genau die Leerstellen füllen, die demokratische Kräfte mit ihrer Emotionsaversion überhaupt erst geschaffen haben – und diese lose Hoffnung auf „Veränderung“ scheint in vielen Fällen mächtiger zu sein als der Glaube an die Demokratie selbst.  

Diffusem Unbehagen eine hoffnungsvolle Richtung geben

Ebensolche Szenarien von (gefühlten) Krisen, Verunsicherungen oder diffusem Unbehagen – eines „so nicht (weiter)“ – können als affektive Momente verstanden werden, die auch ebenso gut mit demokratischen Positionen besetzbar sind. Sie sollten daher als konstitutive Momente von Demokratien, als gewaltige Chancen des Gestaltens und des Wandels, begriffen werden. Denn Affekte zeichnen sich dabei zuallererst durch ihre Ungerichtet- und Offenheit aus: Sie folgen also keinem bestimmten Zweck oder einer (politischen) Richtung und müssen nicht einmal bewusst wahrgenommen werden. Für eine demokratische Antwort auf einen solchen Moment würde dies zunächst bedeuten, entsprechende Affekte ernst zu nehmen und Räume zu schaffen, in denen sich in kollektivem Austausch ihren Ursachen angenähert werden kann. Denn gerade jene unreflektierten Affekte bergen letztlich die Gefahr ihrer (undemokratischen) Vereinnahmung. Sie greifbar zu machen und in reflektier- und begründbare Emotionen zu überführen – ohne direkt einen starren (politischen) Deutungshorizont vorzugeben – kann Räume eines kollektiven und produktiven Gestaltens öffnen.  

Konstruktiv erscheint in diesem Kontext der Begriff der Kontingenz, der auf die Begründung gesellschaftlicher Ordnungen durch soziale Praktiken verweist und somit ihre stete Gestalt- und Veränderbarkeit betont.

Ebenjenen Glauben daran, dass „alles auch anders sein könnte“, immer wieder aufs Neue zu mobilisieren und damit Hoffnung zu stiften, stellt letztlich eine der essenziellen Grundlagen für zukunftsfähige Demokratien dar.  

Wie das ganz praktisch aussehen kann, zeigte die Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen. Sie verlieh einer ganz konkreten, jedoch zunächst diffusen, weil ziellosen, Betroffenheit einen greif- und gestaltbaren (politischen) Deutungshorizont. Sie gab den Gefühlen der Menschen eine Heimat und eine Richtung; sie benannte Ursachen und hat plausible politische Lösungen aufgezeigt und so eine ursprüngliche Hoffnungslosigkeit in eine starke soziale Bewegung transformiert, die – auch abseits nationaler oder politischer Grenzziehungen – über nahezu alle demokratischen Identitäten hinweg anschlussfähig war.  

Folglich gilt es gerade in unruhigen gesellschaftlichen Zeiten, neue Wege zu finden, um die Flamme des Wandels lebendig zu halten, zu nähren und zu kollektivieren. Emotionen und Affekte verbannen oder ignorieren zu wollen, bedeutet hingegen letztlich nichts anderes, als den Kampf um die Deutungshoheit eines ziellosen Unbehagens, demokratischer Werte und kollektiver Identifikationsangebote den Feind*innen der Demokratie zu überlassen. Vielmehr müssen gerade auch die Freund*innen der offenen Gesellschaft nach kreativen Möglichkeiten suchen, diesen Kampf aktiv mitzugestalten und in demokratiestärkende und hoffnungsstiftende Richtungen zu leiten.

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